Chorleben 2013

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Sängertreffen in Penzlin

 

Bereits Anfang des Jahres hatte uns Gisela alle Termine für Auftritte und andere Höhepunkte des Chorlebens in 2013 mitgeteilt. Darunter war auch der 8. und 9. Juni als das Wochenende, an dem wir nach Penzlin fahren würden.

Nach wochen- und monatelanger Vorbereitung, die besonders wohl für Gisela arbeitsreich und anstrengend war, war der große Tag also gekommen. Am Sonnabendmorgen um 8:00 Uhr ging’s los. Pünktlich war der Bus da. Alle fanden ein Plätzchen, die meisten sogar ein Einzelplätzchen. Da konnte man sich ausbreiten und bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein die 3-stündige Fahrt durch Brandenburg und das Land Mecklenburg-Vorpommern genießen.

Pünktlich um 11:00 Uhr waren wir in Penzlin. Penzlin ist ein kleines Städtchen in Mecklenburg, nicht weit von Neubrandenburg entfernt. Der Ort feiert im Jahr 2013 seinen 750. Geburtstag, für die Einwohnerschaft offenbar ein Anlass für viele kleine und große Höhepunkte. Das Sängertreffen war einer davon.

Am Busbahnhof kamen wir an und wurden von einer netten einheimischen Gastgeberin in Empfang genommen. Das war ein guter Service, um sich mit den Gegebenheiten vor Ort schnell und gut zurechtzufinden. Die öffentliche Toilette war das erste Ziel, das zielsicher angesteuert wurde. Danach folgten andere Ziele, die zum Gesamtpaket des Sängertreffens gehörten.

Um 11:15 Uhr ging es also los vom Busbahnhof. Ein Umzug aller beteiligten Chöre zog durch die Straßen von Penzlin mit seinem sehr mecklenburgischen Kopfsteinpflaster. Nichts für Hackenschuhe und lockere Sandalen! Unterwegs wurden die letzten Kleider geordnet, das kleine Schwarze sollte schließlich sitzen. Wir schauten uns um, welche Chöre noch so angereist waren. Die Bewohner von Penzlin begleiteten den kleinen Umzug vom Fenster aus, winkten freudig und gerade die Kinder staunten über die Männer in den weiß-blauen Matrosenanzügen.  

Am Festplatz angekommen, an der Neuen Burg, galt es sich ein Plätzchen zu suchen. Von den Organisatoren waren um ein Blumenrondell Bänke aufgebaut worden, die jedoch schnell unter die angrenzenden Bäume getragen wurden. Im Schatten ließ es sich aushalten und nun harrten wir der Dinge, die nun kommen sollten.

Zunächst kam der Bürgermeister und hielt eine kleine Rede. Dann kamen die drei Penzliner Chöre, die das Sängertreffen vorbereitet hatten. Und schließlich kam ein Dirigent im dunklen Anzug, der mit großem Armschwung alle anwesenden Sänger aufforderte, mit dem kleinen gemeinsamen Lied „Nun fanget an“ das große Singen eben anzufangen.

Nun folgten 15 oder 17 oder auch 18 Chöre. So genau konnte man das nicht verfolgen. Und es war ja auch egal. Die ursprüngliche Reihenfolge kam bald ein bisschen durcheinander. Irgendwann wussten wir auch nicht mehr so genau, wann wir denn dran sein würden. Aber unsere nette Reiseleiterin aus Penzlin gab uns rechtzeitig das Signal, auf dass wir unseren Auftritt nicht verpassten. 

Bevor es so weit war, hatten wir Zeit und Muße, uns viele andere Chöre anzusehen und anzuhören. Gemischte Chöre, Frauenchöre, Männerchöre. Große Chöre, kleinere Chöre. Sehr gute Chöre und Chöre mit stimmlichen Problemen. Frauenchor Kratzeburg, Chor St. Marien Penzlin, Ottendorfer Shantychor, Liedertafel von 1831 e.V…., es war alles dabei.

Und ein weiteres konnte man studieren: Chorkleidung. Das war ein Thema, das uns in den letzten Wochen beschäftigt hatte. Und hier gab es also neue Inspiration: türkis mit weiß oder lachsfarben mit schwarz. Kleider oder Blusen, schwarze Hosen oder bunte Röcke, rote Tücher, bunte Tücher, gar keine Tücher… Der Anregungen gab es genug. Die Männer scheinen es mit ihrer Chorkleidung leichter zu haben: Für den Shantychor „Eisvogel“ Lychen kommt ohnehin nur der Matrosenanzug in Frage. Und ansonsten bleiben der solide Anzug oder die dunkle Hose und das farbige Sakko. Dazu die einheitliche Krawatte oder das Einstecktuch. Fertig ist der gut gekleidete Chorsänger!  

Neben der Chorkleidung gab es dann natürlich noch die Lieder. Auch da war für jeden etwas dabei. Einige Lieder über Ostseewellen und das Seemannsleben. Wir waren ja schließlich in Mecklenburg-Vorpommern! Dazu nicht wenige Lieder über das Wandern, das Jäger-Dasein, über die Natur, über Singen und Tanzen… Manche Lieder priesen Gott, andere die Freundschaft und Liebe. Einige Lieder kamen aus Afrika… Am Ende eine Hymne auf das Bier. Die Musik ist eben vielfältig.

Ja, und wir waren dann natürlich auch dran mit unserem kleinen Auftritt auf den Stufen der Neuen Burg in Penzlin. „Cantate domino“, „Die Rose“ und „Can’t help falling in love“ hat dem Publikum wohl gut gefallen. Aber mit „I will follow him“ und „Sing mit mir“ hatten wir die Leute wirklich auf unserer Seite. Da wurden auch die wieder wach, die in der warmen Nachmittagssonne schon ein wenig eingenickt waren. Die Freude über unsere frischen und flotten Klänge war wirklich spürbar.

Gegen 16:00 Uhr neigte sich das große Singen langsam dem Ende entgegen. Irgendwie war jetzt auch alles besungen. Wir waren auch erschöpft und voller Eindrücke. Nicht wenige Chöre waren schon abgereist. Das hinderte aber die Organisatoren nicht daran, alle, die noch geblieben waren, zu einem kleinen gemeinsamen Abschlussgesang einzuladen. „Wahre Freundschaft“ und „Möge die Straße uns zusammenführen…“ wurden dann durchaus zu einem Höhepunkt des Sängerfestes. Auch wenn es nicht 750 Sänger waren, wie es zum 750. Geburtstag von Penzlin gepasst hätte, so verspürten doch bestimmt viele für einen Moment ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Freude am gemeinsamen Musizieren. Und der Gedanke „…und bis wir uns wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand…“ war für einen Augenblick wirklich ernst gemeint…

Mit frohen Gedanken, dem Gefühl von Stolz und Erleichterung und mit einem Ohrwurm für den Rest des Tages machten wir uns auf den Weg zurück zum Busbahnhof, zu unserem geduldig wartenden Fahrer, um die Fahrt nach Stargard zur dortigen Jugendherberge anzutreten. Mit Umziehen, Ausruhen, Abendessen, Spazierengehen, Rotwein, Chips und Erzählen ging der Tag zu Ende.

Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück und dem obligatorischen Foto vor der Jugendherberge ging es nach Hause. Mit dem Bus durch die sattgrüne Landschaft des Vorsommers. Ein Zwischenhalt in Neuruppin, um Mittag zu essen und um mit dem Tempelgarten ein Stück Kulturlandschaft Brandenburgs zu besuchen.

Gegen 15:30 Uhr waren wir zu Hause. Es waren nur zwei Tage. Und doch war es eine ganze Reise. Ein Stück raus aus allen Themen, Sorgen, Beschwernissen der Woche zuvor. Die hatten uns nun alle wieder.

Was blieb vom Sängertreffen in Penzlin noch? Die Frage, ob es so etwas nicht auch in Brandenburg geben könnte. Und ob wir uns an die Aufgabe der Vorbereitung machen sollten. Vielleicht zur BUGA 2015?

 

 

                                                                                              Susanne Gobst

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Gloria, Gloria!

Es war schon in der ersten Jahreshälfte, als Angelika das Lied „Gloria in excelsis deo“ anbrachte. Der Titel war nicht unbekannt. „Gloria in excelsis deo“ – das kannten wir bereits aus manchem festlichen Weihnachtslied.  Ehre sei Gott in der Höhe! Ein Ausruf von Jubel und Freude.

Angelika brachte uns also dieses Lied mit. Das heißt, sie kam mit einer Vielzahl von Notenblättern. Diese waren mittels Tesa-Streifen aufwendig  zusammengeklebt. Welche Mühe musste allein diese Kleberei gemacht haben! Und das Ganze war 35-mal geschehen. Für jede Sängerin ein Exemplar. Das komplizierte Wunderwerk der zusammengefügten Notenblätter hätte einen bereits stutzig machen können. Was muss das für ein aufwendiges Lied sein, wenn schon die Notenblätter so kompliziert daherkommen!

Dann hörten wir eine Aufnahme dieses Liedes vom MP3-Player. You tube macht’s möglich.  „Gloria in excelsis deo“ – ein schönes Lied. Ein gemischter dreistimmiger Chor sang leichtfüßig und heiter. In scheinbar ungeordneter Weise fügten sich die Stimmen  zueinander, aneinander. Sie schienen einander zu überholen. Oder waren sie ineinander verwoben?  Sie hielten einander, unterstützten einander… und ergaben ein wunderbares, harmonisches Ganzes. Ein wunderschönes Lied!

Und das sollten wir auch irgendwann können?

Erst übte jede Stimme unseres Chores einzeln, zunächst den Refrain. „Gloria in excelsis deo“ – der Sopran mit hohen, kurzen Tönen, mit einem eigenwilligen Rhythmus, der erst nach vielen Wiederholungen eingängig wurde. Der Alt mit einem tiefen „Gloria“ bildete einen Klangteppich, auf dem sich die hohe Stimme des Soprans ausbreiten und entfalten konnte. Und die Mittelstimme hatte wiederum ein anderes „Gloria“, nicht so strahlend wie der Sopran, nicht so tief wie der Alt. Aber präsent und gegenwärtig, mit einem einprägsamen Rhythmus.

Jede Stimmlage übte seine Zeilen. Nach einer Weile saßen Töne und Rhythmus. Bis dahin kein Problem.

In der zweiten oder dritten Probe dann der Versuch, die drei Stimmen zusammenzubringen. Sopran, Alt, Mittelstimme – alle mussten nacheinander, in einem für mich undurchschaubaren Abstand zueinander einsetzen. Und dann die eigene Melodie, den eigenen Rhythmus halten.  Ich weiß nicht, wie es den anderen ging, ich stolperte irgendwann hinein in den Gesang der anderen. Irgendwann, wenn ich glaubte, die anderen Sängerinnen links und rechts zu hören, begann ich mitzusingen. Machten die anderen das genauso? Schön war das Ergebnis nicht. Und harmonisch schon gar nicht. Ein heilloses Durcheinander. Froh, wenn irgendwie das Ende erreicht war und ich nicht das Gefühl hatte, vollkommen den Faden verloren zu haben.

Dann war es gut mit dem Refrain. Erstmal.

Weiter ging es mit den Strophen, kleinen, kurzen Abschnitten inmitten der scheinbar unübersehbaren Fülle von nicht zu bewältigenden Zeilen des Refrains. „Gloria et in terra pax…“ und „Gratias agimus tibi…“ – es galt den Einsatz nicht zu verpassen. Die Pausen waren kurz oder gar nicht vorhanden. Pech, wer da noch Luft holen musste. Manchmal mussten die Silben der lateinischen Sprache erst noch sortiert werden.  Auf dass sie geordnet und mit korrekter Artikulation aus dem Mund kamen.  Sonst wurde das mit der Melodie auch nichts. Aber nach und nach sortierte sich alles. Die Einsätze waren klar, zumindest meistens. Melodie und Text hatten sich eingeprägt. Der Refrain blieb schwierig, sehr schwierig.

Dann wurde es Sommer. Geburtstagskonzert für die Musikschule, Sängertreffen in Penzlin, Sommerfest. Andere Lieder wurden gesungen. „Gloria in excelsis deo“ spielte keine Rolle. Die komplizierte Blattsammlung blieb ganz hinten im Hefter liegen. Das Lied wurde nicht weiter geübt. Hatte Angelika es beiseite gelegt? Erkannt, dass es für uns und unser musikalisches Vermögen zu schwer war?

Nein, im September/ Oktober ging es wieder los. „Gloria…“ stand wieder auf dem Probenplan. Die Strophen wurden wiederholt. Der Refrain in jeder einzelnen Stimme wurde wiederholt. Beim gemeinsamen Singen begann wieder das Durcheinander, die Stolperei, die bange Frage, ob die Nachbarin besser mit diesen verdammten Einsätzen klar kam, irgendwie wusste, wie man diesen undurchschaubaren Rhythmus bewältigen sollte.

Irgendwann hatte ich aber doch den Bogen raus. Hatte ich in der Not doch mal genauer auf mein Notenblatt und seine Zeichen geschaut? Die halbe Pause erkannt, auf die es irgendwie ankam? Oder hatte Angelika  etwas erklärt, was für meine Gehirnzellen das Richtige war? Der Sopran fängt an, dann zwei Schläge, und beim dritten Schlag setzen wir ein. „Gloria, Gloria!“ So schien es zu funktionieren. Einfach nur bis zwei zählen, mutig einsetzen…, und dann nicht beirren lassen. Und weiter zählen. Und weiter den Takt klopfen. Augen zu und durch – so war die Devise. Beim Chorsingen kommt es darauf an, auf die anderen Sänger zu hören. Man singt ja schließlich miteinander. Wegen der Harmonie. Aber das alles konnte ich mir jetzt nicht leisten.  Die Harmonie musste warten. Ich musste erst mal Sicherheit in meinem eigenen Gesang gewinnen. Immer schön zählen. Immer schön Takt halten. Immer schön dran bleiben. Mutig einsetzen. Und durchhalten. „Gloria, Gloria!“

Nachdem der Refrain auf diese Weise ein paar Mal gelungen war, konnte ich aufatmen. Und auch wieder auf die anderen hören. Und nach und nach begann ich auch das schöne Lied zu hören, was der Chor bei You Tube so leichtfüßig hinterlassen hatte. Es brauchte noch einige Versuche, bis sich „Gloria…“ zu einem harmonischen Ganzen, zu einem gemeinsamen Gesang fügte.

Im Dezember kam dann noch das Orchester, die Orchesterbegleitung dazu. Würde jetzt wieder alles durcheinander geraten? Doch das Zusammenspiel funktionierte besser als befürchtet. Sicher, am Ende waren alle immer fast außer Atem, so als läge ein 10.000m-Lauf hinter uns. Und wir waren froh, alle im Ziel angekommen zu sein. Irgendwie war es ja auch so. Es war eben viel Konzentration erforderlich, um durchzukommen durch den scheinbaren Dschungel an Tönen, Taktschlägen, Einsätzen, schwierigen Worten, Violinklängen, Rhythmen…

 

Am 15. Dezember 2013 haben wir „Gloria in excelsis deo“ aufgeführt. In der Nikolaikirche, im Rahmen unseres Weihnachtskonzertes, vielleicht als Höhepunkt dessen. Frau Au dirigierte das Orchester, Angelika den Chor. Sie gibt die Einsätze. Ich zähle trotzdem in bewährter Weise mit: eins – zwei- und bei drei einsetzen. Es funktioniert. Und das Singen macht Spaß. „Gloria---„ – ein schwieriges Lied. Aber auch eine lohnende Herausforderung. 

Am Ende haben wir es gekonnt, alle zusammen. Angelika hat es uns beigebracht. Sie hat Geduld gehabt und pädagogisches Können. Sie hat uns hingeführt, so  dass wir „Gloria…“ am 3. Advent aufführen konnten. Angelika hat es uns zugetraut, sie hat an uns und an sich selbst geglaubt. Und deshalb ist es uns gemeinsam gelungen.

Das Publikum hat viel Beifall gespendet am Ende des 10.000-m-Laufes, am Ende dieses schönen Liedes. Offenbar haben die Leute gespürt, dass dieses Lied etwas Besonderes war, viel Mühe gekostet hat, viel Arbeit drin steckt. Wie viel Arbeit das Lied für mich war, für jeden Einzelnen, das konnten die Leute sicher nicht einschätzen. Aber das müssen sie ja auch nicht.

„Gloria in excelsis deo…“. Als ich am Heiligen Abend in der kleinen Kirche in Golzow sitze, da steht in meinem Liederheft, das ich am Eingang bekommen habe ein Text mit eben dieser  Überschrift.  „Gloria in excelsis deo“ - Ehre sei Gott in der Höhe. Ich lese mir den Text durch.

Und habe doch meine eigene Geschichte.

 

Susanne Gobst

 

Brandenburg, Januar 2014

 

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